Reisebericht „ Kontroll- und Findungsreise 2005“
Die Geschichte vom wiedergefundenen Kamel „Lisa & Leo“
Nach langwierigen Vorbereitungen konnte es am 22. April endlich losgehen in Richtung Iran.Schon auf dem Flughafen waren die Veränderungen sichtbar. Wo noch vor einem Jahr schwarze Kopftücher (von wenigen Shadors abgesehen) die Regel waren, war in diesem Jahr kaum ein Kopftuch zu sehen.Ein völlig ausgebuchter Flug mit Iran-Air ging Richtung Teheran bei sehr ungünstigen Witterungsverhältnissen über der Türkei. Pünktlich (wie immer) landete unsere Maschine auf dem Teheraner Airport und wir waren gegen Mitternacht in unserem Hotel Lahleh – an Schlaf war kaum zu denken, so dass wir am nächsten Morgen früh und 6.40 Uhr Richtung Shiraz aufbrechen konnten.
Schon während des Fluges konnten wir feststellen, dass es ein guter Winter und ein Frühjahr mit viel Regen gewesen sein musste, denn so weit man auch schauen konnte, Wasser gab es genug. Pünktlich um 9.15 Uhr waren wir in Shiraz, wo wir von unseren Freunden abgeholt wurden. Sofort ging es los in Richtung Norden mit der großen, bangen Frage, ob unsere Nomaden auch da sind, wo wir diese vermuten konnten. In den letzten Jahren waren es immer weniger Nomaden, die wir sehen konnten und auch die altbekannten Lagerplätze waren verwaist. Ist der letzte Zug der Ghasghai bereits „Wirklichkeit“? war unsere sorgenvolle Frage. Aber nach gut 2 Stunden Autofahrt konnten wir erleichtert aufatmen – die Lagerplätze waren belegt, die Nomaden waren wieder an den alten Plätzen und wir konnten in Ruhe unsere Frühstückspause einlegen. Hier starteten wir dann auch unser neues Projekt „ Black-Tent® - Die Nomaden-Signatur-Kollektion“. Der Teppichmarkt ist weitgehend zu einem Massenmarkt verkommen und bringt das Kulturgut an den Rand des Ruins. Deshalb wollen wir einen anderen Weg gehen – wir zeigen Ihnen die Künstlerinnen unserer Teppiche, stellen diese mit Namen vor und geben Ihnen damit den Nachweis der Authentizität. Wir bieten Ihnen mit unserer neuen Kollektion wie bisher schon Original-Handpknüpfteppiche, aber mit „Black-Tent®“ eine Spezial-Serie, bei der wir Ihnen jede Knüpferin zum Nachweis benennen.
Hier haben wir auf dieser Reise den Grundstein gelegt und haben uns auf die Suche nach Findlingen ® der besonderen ART gemacht und sind fündig geworden. Auf dem Hochplateau fanden wir unsere Nomaden-Familien die jetzt nach der Wanderung mit der Herstellung der Findlinge beginnen und die uns die Exemplare auf der Sommer-Reise dann präsentieren werden.
2004 – auf unserer Frühjahrsreise wurden wir mit einer dramatischen Sache konfrontiert. ZARA, die Nomadin, die wir auf unserer allerersten Reise kennengelernt hatten und die seitdem die schönsten Findlinge® für uns erarbeitet hatte, lag mit schwersten Verbrennungen im Krankenhaus. Ihr (synthetisches) Kleid hatte Feuer gefangen und ihre Haut war zu 1/3 verbrannt. Wir wussten nicht, was aus ihr geworden war, und baten deshalb unseren Scout, auf jeden Fall einen Besuch machen zu dürfen. Wir bekamen gute Nachricht, ZARA lebt und hat den Brand einigermaßen überstanden. Natürlich fällt man sich im Iran nicht in die Arme, (schon gar nicht Frauen mit Männern) wenn man sich wiedersieht. Die Freude war gegenseitig aber übergroß, Zara mit ihren Schwestern auf dem Knüpfstuhl bei einem fantastischen Findling zu sehen. Schnell erzählte sie uns die Sache, sie hatte Glück im Unglück, ihr Gesicht war nicht verbrannt und so lachte sie uns aus vollem Herzen entgegen und bat um Überlassung unseres Baseball-Caps mit dem eingestickten Regenbogenknoten®-Logo. Wenn eine junge Frau einen solchen Unfall erleidet, bleiben Narben zurück. Zara bat uns, in Europa nach einer Medizin zu suchen, die Ihre Hände wenigstens ein wenig besser aussehen ließe, denn die Pigment-Flecken sind für eine junge Frau natürlich nicht gerade eine Zierde. Wir durften ein Foto der Hände machen und werden uns hier in Deutschland erkundigen und falls möglich, bei der nächsten Reise Medikamente oder Creme oder ähnliches für Zara mitnehmen. Falls ein Leser dieses Berichtes eine Information geben kann, wären wir alle dafür sehr dankbar. Da wir auf dieser Reise nur mit „Handgepäck“ unterwegs waren, war es nicht möglich für die Nomadenkinder Schulmaterial mitzunehmen.
Wir haben deshalb jetzt eine Möglichkeit gefunden, eine große Kiste mit Schulmaterial in den Iran zu schicken, die wir dann auf den Reisen bei den Nomadenkinder lassen können. Dafür danken wir unseren Freunden ganz besonders!In den Dörfern unserer Halbnomaden fanden wir dann aber eine Fülle von neuen Ideen, die nach dem Norouz-Fest auf den Knüpfstühlen waren und die dann im Herbst in unsere Geschäfte kommen werden. Als Autor dieses Berichtes war ich der Meinung, so ziemlich alles in Erfahrung gebracht zu haben, was es in der Region an Besonderheiten gibt, doch ich traute bei einem abendlichen Lagerfeuer meinen Augen nicht und fand in den Zagros-Bergen den Nachweis, dass die Tulpe wirklich aus dem Iran stammt, denn 2 Wildtulpen blühten direkt vor meinen Augen. Hier hat es nie Ackerbau, geschweige denn Blumenzucht etc. gegeben.Während des Einbruches der Dunkelheit kamen noch 2 Nomadenherden mit rund 1000 Schafen direkt zu uns auf unseren Lagerplatz. In der dortigen Felsenhöhle bereiteten sie sich ein Feuer um ein leichtes Abendessen zu geniessen. So von Tieren und Nomaden umgeben zu sein, ist ein unbeschreibliches Erlebnis, ist man dem Puls des Lebens doch so nah, wie man es daheim nicht sein kann.
Nach einer ruhigen und guten Nacht bei Freunden machten wir uns weiter auf den Weg und trauten unseren Augen nicht. Mehr als 50 Nomadensippen waren im Abstand von etwa je 500m unterwegs und unsere Fahrzeuge mussten immer wieder stoppen. Tausende und abertausende von Tieren waren unterwegs in Richtung Sommerweide. Natürlich hat sich das Nomadenleben verändert – auch ist man durch den Verkauf von 2-3 Tieren in der Lage, den Hausstand mit Zelt und Knüpfstuhl mit einem Auto an den Lagerplatz bringen zu lassen und so können die Frauen der Sippe dann alles vorbereiten, bis die Männer mit den Tieren mit Zeitverzug ankommen. Nur noch wenige Familien sind mit all Ihrem Hausstand und ihren Tieren zu Fuß unterwegs und so bleibt die Hoffnung, dass durch die Veränderungen das Nomadentum doch noch erhalten bleibt. Am Abend kehrten wir nach Shiraz zurück und fielen total übermüdet ins Bett, um schon am nächsten Morgen wieder früh aufzustehen und eine Reise von rund 300 Kilometern in den Süden zu machen zu unseren Freunden der Bahlulj-Nomaden. „Schumaker“, unser Fahrer meinte wohl, er müsse uns seine Fahrkünste zeigen, unter dem Motto „ No Police“. In rasendem Tempo ging es los, bis man ihn doch ermahnen musste, ein wenig Rücksicht auf die Mitreisenden zu nehmen.
Nach 4 Stunden Suche fanden wir die Sippe wieder, die wir jetzt schon seit 3 Jahren zu unseren Freunden zählen dürfen. Natürlich sprach sich unser Besuch in Windeseile herum und zahlreiche Nomaden kamen angelaufen um die exotischen Menschen anzuschauen, die bei 40 Grad Hitze in der Sonne herumlaufen um Tiere, Menschen und Teppiche zu besichtigen.
Herzlich wurden wir aufgenommen, hervorragend beköstigt und konnten eine Kollektion ausgefallener Findlinge® begutachten, auf die wir uns nun besonders freuen. Aber auch hier hieß es bald Abschied nehmen, um den Rückweg nach Shiraz anzutreten, zumal wir am nächsten Tag mit der Suche nach „LISA“ unserem Dromedar beginnen wollten. Ganz zeitig am 4. Tag unseres Aufenthaltes trafen wir auf unseren Scout, der sich in den vergangenen Monaten um Lisa bemüht hatte.
Im Frühjahr 2000 hatten wir auf einer Reise „LISA“ unser Dromedar gefunden und in unseren Besitz genommen, es aber in der Familie belassen.2001 waren wir wieder bei unserem Freund „Azizolah“ zu Besuch, der uns von schrecklichen Ereignissen berichten musste, Raub, Diebstahl, Tod. All das hatte die beiden alten Leute so mitgenommen, dass Sie nach Ende der Sommerweide die Wanderung aufgegeben haben und in den Kreis der Kinder gezogen sind, die sesshaft sind. Lisa wurde an einen anderen Nomaden der Sippe verkauft und so hatten wir das Glück Lisa 2002 und 2003 vor Ort jeweils besuchen zu können. 2003 teilte uns der neue Besitzer von Lisa mit, dass er die Wanderung auch beenden werde, wann, wisse er nicht. Schneller als erwartet haben sich die Ereignisse dann überschlagen. Aus dem Iran kam die Nachricht, der Aufgabe der Dromedar-Herde und es schien so, als sei Lisa für uns verloren. 2004 war es nicht möglich gewesen „LISA“ wiederzufinden, doch wollten wir nicht aufgeben und baten unsere Freunde vor Ort, doch eine Suche nach Lisa zu starten.
Im Februar 2005 bekamen wir dann eine mehr als erfreuliche Nachricht, Lisa sei gefunden und was noch erfreulicher war, sie stand kurz vor der Geburt eines Jungtieres. Jetzt ging es nur noch darum, den richtigen Zeitpunkt für die Reise zu wählen um abzuschätzen, wann die Sippe in welchem Gebiet sein könnte. Wir wählten den Zeitraum 22. bis 29. April, also 4 Wochen nach Noruz, die Zeit, in der nach Abschätzung unseres Scouts die Sippe Shiraz passieren würde. Früh brachen wir also auf – und schon nach gut einer Stunde Fahrzeit sahen wir dann die ersten Herden mit Dromedaren auf der Straße unterwegs. Doch Lisa´s-Sippe war nicht dabei.
Die Spannung wuchs – würde es uns gelingen, Lisa zu finden? Nach einer weiteren Stunde Fahrzeit machten wir an einem Lagerplatz an der Strecke halt und konnten von Ferne eine große Sippe sehen, die auf uns zukam. Unser Scout wurde ganz nervös, kannte die ankommende Familie und konnte sich so ausführlich nach dem Reiseverlauf unserer neuen Sippe erkundigen. Als langjähriger Reisender habe ich auf dieser Reise wiederum viel gelernt und gesehen. So war es eine Überraschung, feststellen zu können, wie die neugeborenen Lämmer und Ziegen die Strecke zurücklegen, wenn diese während der Wanderung geboren werden. Der Scout nahm mich mit zu der Sippe und zeigte mir das „Ziegentaxi“. Die Jungtiere werden in Satteltaschen auf die Esel gepackt und werden damit zum Lagerplatz transportiert. Simpel, einfach und gut, aber eine neue Erfahrung für mich.
Weiter ging es in die Berge über Wege, die mit normalen Fahrzeugen nicht befahrbar waren, so war es gut, dass wir mit Allradfahrzeugen unterwegs waren. Nach einer weiteren Stunde Fahrt sahen wir dann am Horizont ein Nomadenlager, dem wir uns langsam näherten. Kurz gefragt und das Wunder war geschehen, wir hatten die neuen Besitzer von Lisa gefunden. Natürlich sind wir in all den Jahren mit vielen Nomaden-Sippen in Kontakt gekommen, aber diese Familie war wohl mit den einfachsten Lebensverhältnissen konfrontiert, die wir je zu Gesicht bekommen haben. Nichts an Komfort – sondern leben genauso wie vor tausenden von Jahren. Eine Veränderung allerdings, die wir schon auf anderen Reisen gesehen haben, macht uns Kopfschmerzen. Immer mehr verschwinden die traditionellen schwarzen Ziegenhaar-Zelte und werden durch einfache Baumwollzelte ersetzt. Diese sind zwar billiger in der Herstellung aber eben auch lange nicht so haltbar. Uns beschäftigte die Frage nach dem „WARUM“ und wir bekamen folgende Antwort:Der Sippenälteste muss immer wieder neue Entscheidungen treffen und ist sich nicht sicher, dass seine Kinder die Wanderung auf Dauer fortsetzen, weil diese mit all den guten und schlechten Dingen konfrontiert werden, die das Nomadenleben an den Rand der Auslöschung bringen. Schulausbildung und Kontakt zu sesshaften Familienmitgliedern ist die eine Sache, das negative ist aber TV und Internet. Das Internet wird den Untergang der Nomadenkultur bedeuten. Wir können und wollen es nicht aufhalten, doch eine archaische Lebensform steht unmittelbar vor dem AUS.
Dies ist mit der Hauptgrund, durch unsere Unterstützung der Nomaden, einen ganz kleinen Beitrag zu leisten, um einigen Sippen die Wanderung weiter zu ermöglichen. Der neue Besitzer von Lisa schickte einen seiner Enkel los, um Lisa zu holen, die in den Bergen weidete. Uns wurde freudig berichtet, dass Lisa ein Baby bekommen habe, ein männliches Jungtier. Wir hatten im Vorwege signalisiert, dieser Sippe durch den Kauf des Jungtieres zu helfen.
Und dann kam Lisa an – mittlerweile eine prächtige Stute und im Gefolge ein kleines junges Dromedar. Es war ein wenig zutraulich und schnupperte an der Hand, wir alle standen ein wenig verloren herum, weil uns die ganze Situation doch etwas überwältigte. Wir Europäer, ausgestattet mit allem was man sich vorstellen kann, stehen hier mitten in den Zagros-Bergen bei einer Familie, die auf einer Lebensstufe steht, die wir keine Woche aushalten würden und sehen uns mit einem Dromedar samt Jungtier konfrontiert.
Was macht man in einer solchen Situation? – man bemüht seine Begleiter den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen, da man selbst ja der Sprache dieser Nomaden nicht mächtig ist. Schnell waren wir uns handelseinig – 500 Euro zahlen wir freiwillig für das Jungtier, belassen es erst einmal bei unserer (seiner Mutter) Lisa und werden es von jetzt an regelmäßig besuchen. Wir tauften es auf den Namen LEO (LÖWE) und so wird Leo für uns den Transport der Findlinge aus den entlegenen Tälern übernehmen.
Durch den Preis sichern wir das Überleben dieser Familie mit ab und hoffen auf eine möglichst lange Zeit der Wanderung. In den kommenden Jahren hoffen wir so, immer wieder den Kontakt mit dieser Nomadenfamilie zu halten, haben aber auch die Zusicherung erhalten, dass uns ein möglicher Zeitpunkt der Sesshaftwerdung rechtzeitig mitgeteilt wird und wir so wiederum die Möglichkeit erhalten, LEO einer anderen Sippe zu übergeben.
Die Nomaden waren zwar auf unseren Besuch vorbereitet, aber nicht in der Lage für uns ein Mittagessen auszurichten, da der endgültige Lagerplatz noch nicht erreicht war.Aber wenigstens einen Tee wollte man uns dann doch anbieten. So nahmen wir auf der Erde Platz und tranken gemeinsam einen guten heißen Tee, bevor wir uns dann verabschiedeten.
Ein erhebendes Erlebnis war dieser Besuch.
Nach einer weiteren Stunde Fahrzeit erreichten wir das Haus eins Freundes, der in dieser Gegend die Betreuung der Knüpfstühle für uns vornimmt und den wir informiert hatten, dass wir ihn besuchen würden.
So war ein fürstliches Mittagsmahl für uns bereitet. Unser Rückflug von Shiraz war für den späten Abend geplant und so hatten wir Zeit, die Färberei unserer Freunde zu besuchen, um noch einmal mit dem Geheimnissen der Pflanzenfärbung vertraut zu werden. Unsere weitere Reise führte uns über Isfahan und Teheran, wo wir am 29. April den Rückflug nach Deutschland antreten konnten. Alles in allem war es eine der wichtigsten Reisen der letzten Jahre, mit dem Ergebnis und der Gewissheit: „Der letzte Zug der Ghasghai“ lässt Gott sei Dank noch auf sich warten.
Bereits in wenigen Wochen wird die nächste Reise stattfinden, um dann die Findlinge auf den Knüpfstühlen zu sehen, mit denen jetzt begonnen wurde, damit wir im Herbst 2005 mit „ Black-Tent®“ der Signaturkollektion der südpersischen Nomaden beginnen können.
Herten im Mai 2005 C.A.Spiekermann